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Kunstkredit Basel-Stadt 2023 - Leave a Hello, Kunsthalle 24. Sep – 08. Okt 2023

Q.U.I.C.H.E.

Kunsthalle: Kunstkredit Basel-Stadt 2023 - Leave a Hello

24. Sep – 08. Okt 2023


Ich habe kürzlich einer Gruppe Sechzehnjähriger versucht zu erklären, warum es einen grossen Unterschied macht, ob eine Videoarbeit projiziert oder auf einem Screen gezeigt wird. Jede Arbeit verändert sich mit der Materialität, in der wir ihr begegnen. Ich glaube, ich habe sie nicht überzeugt. Die diesjährige Version der Werkbeitragsstipendiatinnenausstellung in der Kunsthalle Basel kuratiert von Ines Todar war dann aber eine spannende Versuchsanordnung für diese Behauptung.

Lysann König präsentiert uns gleich eine Vielzahl von Videos in jeweils anderer Präsentationsform. Aber Lysann hat nicht nur verschiedene Wege gefunden, Videoarbeiten materiell in den Ausstellungsraum zu bringen, sie hat auch sichergestellt, dass die Betrachterin jede Arbeit in einer anderen Kopfhaltung anschauen muss. Nacken gerade, Blick geradeaus für die grosse Projektion an der Wand, die zwischen Texteinblendungen, Musikvideo und Videokunstzitaten wechselt; Nacken gebeugt, Blick gerade für den mittelgrossen Fernseher auf einem Metallgerüst auf Bauchhöhe; und schliesslich Nacken stark gebeugt, Blick gesenkt für zwei in einem Haufen aus grobem Seil gebettete iPads mit Videos, die direkt auf das Material ihres Nests verwiesen.

Es gibt Überlegungen, dass eine Ursache für das um sich greifende Dauerstressgefühl in unserer Körperhaltung und Augenposition zu Bildschirmen liegt, vor denen wir einen Grossteil unseres Tages verbringen. Gerader Nacken, starrer Blick, das ist die Haltung, wenn der Mensch zu Urzeiten gebannt eine Gefahr beobachtete. Stresshormone rauschen in einer solchen Haltung durch den Körper. Und heute? Nehmen wir unterbewusst unsere Bildschirme als Bedrohung war, weil sie uns in eine solche Körperhaltung nötigen? Und wenn ja, was macht es mit unserer Erfahrung der flackernden Bilder auf Bildschirmen, wenn wir unsere Körperhaltung in Bezug auf sie verändern?

Oder, um es mit Karin Borer aus der gleichen Ausstellung zu fragen: Was macht die Art und Weise, wie wir sitzen und ein Video betrachten, mit unserer Wahrnehmung dieser Arbeit? Karin stellt mehrere Reihen roter Klappstühle vor ihre technisch präzise installierte Doppelprojektion und entwirft ein Setting, das einem improvisierten Kinoarrangement in einem norditalienischen Gemeindezentrum entspricht. Nacken nach hinten gebeugt. Blick halb nach oben. Als wäre man vor der grossen silbernen Leinwand alter Hollywoodträume. Oder als schaue man den herabgleitenden schwarzen Vögeln zu, die sich im Video auf Parkskulpturen niederlassen und dort warten. Warten, bis ihre Zeit gekommen ist.

Q.U.I.C.H.E. sind Semi-Monatliche Gedanken über Kulturmomente in Basel und Umgebung. Formuliert von einem lose organisierten Kollektiv von queeren Menschen, die im Dunstkreis der Basler Kulturszene tanzen.